Zwischen Abstieg und Abwahl?

Kritik wächst

Eigentlich fasst es die Schlagzeile der STZ Online von 28. Mai 2019 perfekt zusammen:

VfB-Präsident Wolfgang Dietrich 
Das Gesicht des Abstiegs

(Quelle am Ende des Eintrags)

Der Artikel ist hinter einer Paywall, aber der Vorspann reicht eigentlich aus. 

Der Präsident Wolfgang Dietrich ist beim VfB Stuttgart selbstbewusst angetreten, den Club nach oben zu führen. Das Gegenteil ist nun eingetreten.

Ich muss da sofort an diesen absolut sinnfreien Slogan zur Ausgliederung denken: "JA zum Erfolg"... (LINK) und hier die sehr gute Stellungnahme des Commando Cannstatt zur Ausgliederung.

Hier noch ein sehr guter Blog-Eintrag aus 2018 zum Thema Erfolg und Wolfgang D.:

Herr Dietrich, es tut mir leid, so kommen wir nicht weiter. Vielleicht hat der Erfolg für Sie gar nichts mit dem Erfolg des VfB zu tun. 

Vielleicht ist Erfolg für Sie vielmehr, immer irgendwie durchzukommen. Bei der Wahl zum Präsidenten beispielsweise. Da haben 57,2 Prozent der Mitglieder für Sie gestimmt. Das war das schlechteste Wahlergebnis aller VfB-Präsidenten. Und dass, obwohl ihnen der Aufsichtsrat nicht einmal einen Gegenkandidaten gegenüber gestellt hat und jene, die gegen sie stimmen wollten, diffamiert hat. Und obwohl die DFL vor ihrer Kandidatur erstmal prüfen musste, ob diese überhaupt zulässig ist, weil Sie sich bei unseren damaligen Zweitliga-Konkurrenten scheinbar auch ganz gut auskannten. Wer gegen solche Widrigkeiten ankämpft und durchkommt, ist wahrhaftig ein Erfolgsmensch.

Und die Stuttgarter Zeitung berichtet über die Entscheidung zur Ausgliederung und zitiert den Präsidenten folgendermaßen:

Zunächst glich die Versammlung aber einer weiteren Meisterfeier im Anschluss an den Aufstieg des VfB in die erste Liga. Die Mannschaft war zu Gast auf der Bühne, die Stimmung war ähnlich wie bei einem der zurückliegenden Zweitligaspiele. Doch dann übernahm Dietrich das Kommando: „Jetzt müssen wir arbeiten.“

Hat ja suuuuper geklappt... 

Die Kohle aus der Ausgliederung längst verbrannt, einen erfolgreichen und beliebten Sportdirektor entlassen, dafür einen Mann an die Front geholt, der in der exponierten Position keine Erfahrung hatte und nun einen der wenigen Lichtblicke sehr günstig nach Schake gelockt hat. Abstieg und damit einhergehende Verluste an Einnahmen und Sponsoren. Inzwischen ist Würth als Sponsor ausgestiegen, ein zweiter Ankerinvestor weit und breit nicht in Sicht. 

Die Bilanz eines Absteigers. Und wenn der Präsident nicht alles persönlich gesteuert hat, so ist er als gewähltes Oberhaupt in etwa so politisch in Verantwortung wie ein Bundeskanzler/Ministerpräsident für Verfehlungen seiner Regierung. 

(...) das absolut bittere Ende einer Bundesliga-Saison, in der aus sportlicher Sicht praktisch alles schiefgegangen ist, was schiefgehen konnte", ließ er via VfB-Website verlauten. "Wir sind vom ersten Pflichtspiel an in einen Negativstrudel geraten, aus dem wir uns trotz großer Anstrengungen nicht befreien konnten."

So zitiert der Kicker den VfB-Präsidenten kurz nach dem Abstieg.

Vor dem Relegations-Rückspiel (Hinspiel 2-2 und damit ideale Vorraussetzungen FÜR UNION!) hatte er sich noch so geäußert:

Union Berlin, so Dietrich weiter, habe die zwei Auswärtstore als Vorteil, aber: „Auf der anderen Seite haben die jetzt auch Druck. Die müssen jetzt auch gewinnen. Ich hoffe, dass wir am Montag ein bis zwei Tore schießen können und dass unsere Abwehr wieder so stabil steht wie in den vergangenen Bundesliga-Wochen.“ 

Wie gesagt, da hatte Union 2-2 auswärts gespielt, d.h. den Berlinern reichte ein 0-0, 1-1 oder ein Sieg um aufzusteigen, der VfB musste gewinnen oder ein 3-3 erreichen.... Und wir spielten eine historisch miese Saison, was die Tor- und Gegentorquote angeht. Und Unio hätte in Stuttgart sogar das 2-3 machen können. Wie man sich dann so äußern kann, das ist mir ein Rätsel... 

Wenn man den Kicker zwischen den Zeilen liest, fällt auf: auch im Fall des Klassenerhaltes ging es eigentlich nur drum, dass der Präsident sich feiern lässt: 

Schließlich wollte Dietrich am Montagabend im Stadion An der Alten Försterei in Köpenick um alles in der Welt erneut der ranghöchste Bestandteil einer VfB-Jubeltraube sein, wenn seine Mannschaft den Erstligaverbleib nach dem Spiel bei Union Berlin feiert. 

Und auch Kontext, die Wochenzeitung, sieht das Engagement von Wolfgang Dietrich mehr als kritisch:

Auch im Falle eines Abstiegs werde er nicht zurücktreten, seiner Verantwortung wolle er gerecht werden, auch in schweren Zeiten. Umso wichtiger seien jetzt Ruhe und Kontinuität. Sagt Wolfgang Dietrich. Hervorragende Rahmenbedingungen, Ruhe und Kontinuität sind ja quasi das Markenzeichen dieses Machers, stete Begleiter seiner erfolgreichen Karriere, ob beim Softwareunternehmen Strässle, bei Stuttgart 21, im Sportrechtehandel bei Rot-Weiß Oberhausen, dem 1. FC Kaiserslautern oder den Stuttgarter Kickers. Oder, ohne Ironie ausgedrückt: Wo Dietrich wirkte, war Ärger programmiert.

Leider klebt da jemand an seinem Stuhl. Man fragt sich, ob Quattrex nur drauf wartet, dass der VfB seine Anteile billiger verkauft um dann einzusteigen und Kohle zu machen. 

Dass Wolfgang Dietrich, kaum im Amt, genau das machte, was er immer macht, nämlich grüne Luft verbreiten, Unfrieden säen, sich selbst in den Vordergrund drängen, keinen Widerspruch dulden, das hätte man beim Daimler wahrscheinlich auch mehr oder weniger gleichgültig hingenommen – wenn das Gebaren des Herrn Dietrich nicht allzu dreiste Formen angenommen hätte. Die Beteiligungen über den Sportinvestor Quattrex an direkten Konkurrenten des VfB, darunter Union Berlin, sowie die aus diesen Beteiligungen fließenden Gelder kann man zwar weglügen, hinter komplizierten Floskeln verstecken oder mit angeblichen internen Verträgen verharmlosen – man sollte dann aber auch schauen, dass das Handelsregister nicht das Gegenteil beweist. Dann nämlich muss man sich den Vorwurf gefallen lassen, man habe einen Lügner installiert, für den die Wahrheit Auslegungssache ist.

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. 

Schade, dass es so kommen musste. Denn bereits vor der Wahl Wolfgang Dietrichs waren dessen nicht vorhandene Integrität und dessen schmutzige Geschäfte bekannt. Es gab Menschen, die vor ihm gewarnt und genau das vorhergesagt haben, was jetzt eingetreten ist. Auch die Mitglieder des VfB Stuttgart müssen sich daher den Vorwurf gefallen lassen, mit verantwortlich zu sein für den Schlamassel. Oder, wie es so schön heißt: Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber.

Ja, zum Beispiel das Commando Cannstatt oder andere Blogs und Medien sowie kritische Fanvertreter. Aber die wurden alle diffamiert und ihre Einwände nicht ernst genommen. Jetzt haben wir den Salat. 

Bei Tag24 gibt es ebenfalls einen sehr guten Kommentar, der Dietrich zum Rücktritt auffordert und der belegt, wie die Fans des VfBs zum Narren gehalten wurden:

So posaunte Dietrich noch bei Amtsantritt 2016, innerhalb von fünf Jahren ins obere Drittel der Bundesliga zu wollen.

Eine ganz schön arrogante Zielsetzung, für die der ehemalige Sprecher von Stuttgart 21 nun die Quittung kassierte: statt europäisch spielt der VfB nach drei Jahren Dietrich erstmal wieder zweitklassig.

Diese Diskrepanz zwischen Träumereien und Realität zeigt: der VfB-Präsident hat den Fans in seiner bisherigen Ära das Blaue vom Himmel versprochen und die Naivität mancher ausgenutzt. 

und weiter:

41,5 Millionen Euro brachte die Ausgliederung ein. Zwei Jahre später sind diese Gelder von Ankerinvestor Daimler allerdings längst verpufft und Schindelmeiser, dem die Fans vertrauten, Geschichte.

Was bleibt: entmachte Mitglieder! Ganz nach dem Geschmack Dietrichs.

Wie wenig Geschmack der 70-jährige Machthaber jedoch tatsächlich hat, zeigen nun die vor kurzem vom Kicker veröffentlichten Recherchen über Dietrichs Verflechtung beim Fußball-Kreditgeber "Quattrex".

Dem Fazit des Artikels schließe ich mich zu 100 Prozent an: 

Dietrich schloss zwar bis zuletzt einen Rücktritt auch im Abstiegsfall aus, doch nach allem was Geschehen ist, ist dieser Schritt einfach unausweichlich: Dietrich raus

Leider wird das nicht passieren, außer er wird abgewählt. Denn die Welt zitiert Dietrich so:

Die seit Monaten existierenden Rücktrittsforderungen aus der Fankurve seien für ihn kein Grund, über einen solchen Schritt nachzudenken. «Ich verstehe das. Diese Leute brauchen einen Prellbock und das war und ist in Stuttgart nun mal der Präsident», sagte Dietrich, der zudem Vorsitzender des Aufsichtsrates ist 

Als ehemaliger Sprecher von Stuttgart 21 kennt er sich mit Prellböcken ja aus. Und wie ein Zug auf einem Abstellgleis lässt er Kritiker an sich abprallen. Und versteht leider überhaupt nicht, dass es die Kritik nicht am Amt, sondern an der Person fest gemacht wird. Und das zu Recht!

Die Pforzheimer Zeitung sieht seine Bilanz auch mehr als kritisch: 

Die von Dietrich versprochene und angestrebte Kontinuität auf den wichtigsten Positionen eines Sportvereins kannte man in Stuttgart mal wieder nur aus Erzählungen.

Der VfB landete auf Rang 16 und musste in die Relegation. Am Montagabend besiegelte das 0:0 gegen den 1. FC Union Berlin den dritten Abstieg der Clubgeschichte. Vom versprochenen Erfolg war trotz der 41,5 Millionen Euro von Investor Daimler, Rekordtransfers und verbesserter Infrastruktur überhaupt nichts mehr übrig.

Hinzu kamen Ungereimtheiten aus Dietrichs Vergangenheit als Gesellschafter der Firma Quattrex, die in Fußballclubs investiert. Die Aussagen über die Trennung von seinen Anteilen passten nicht zu den Einträgen im Handelsregister, die Fans fühlten sich hintergangen und warfen ihrem Präsidenten vor, der Integrität des Amtes zu schaden. «Stuttgartkämpfen - Dietrich raus»-Plakate in der Cannstatter Kurve gehörten in den vergangenen Monaten zum Inventar der Mercedes-Benz Arena.

Und noch was ist seltsam. Laut onefootball wird Dietrich so zitiert: 

Fehler gab der Präsident derweil zu. "Dass ich nicht genug Druck gemacht habe, dass wir neben Michael Reschke zeitig einen zweiten Sport-Verantwortlichen einstellen", nannte er als eines seiner Vergehen. Auch die Trennung von Reschke habe nicht die richtige Wirkung erzielt.

Ja, was denn nun? Entweder er kann als Präsident ja gar nix dafür, oder hat zu wenig Druck gemacht. Dann würde er ja doch für den Abstieg die Führungsverantwortung tragen und muss dann zurücktreten oder abgewählt werden! Der Versuch, beides zu sein, also nicht verantwortlich weil man als Präsident nicht alleine entscheidet und gleichzeitig zu wenig Druck ausgeübt hat, das funktioniert nicht! 

Und wer darf es ausbaden? Die Mitarbeiter. Während also in der Familie Dietrich Millionen an Mehreinnahmen durch Union sprudeln, dürfen die Sekretärin, der Hausmeister und andere Mitarbeiter mit Gehaltskürzungen leben. Berichtet die STZ. Mag rechtlich einwandfrei sein, moralisch finde ich es falsch und verwerflich! 

Nun ist vorab alle geregelt. „Jeder Mitarbeiter hat eine Zweitliga-Klausel in seinem Vertrag“, bestätigte Heim. Bedeutet: Jeder der rund 200 Beschäftigten beim VfB muss in den kommenden Monaten Einbußen hinnehmen – egal ob Spieler, Vorstand oder Mitarbeiter in der Verwaltung. Der Einschnitt ist jeweils individuell geregelt.

Vertikalpass spricht vom Märchen-Präsident. Das lasse ich mal unkommentiert zum Abschluss stehen...

Freiherr von Dietrich ist ein spannender Geschichtenerzähler, der gerne Freunde, Untergebene und Medien mit gebeugten Wahrheiten und sehr selbstbezogenen Einschätzungen unterhält, das Ganze an einer opulenten Tafel sitzend, die gedeckt ist mit Ausreden, Phrasen und Märchen. So hören sich seine Ausführungen zu seinen Finanzbeteiligungen ganz harmlos an und die schlechteste Saison seines Vereins trotz der höchsten Investitionen ist für ihn nur eine kleine sportliche Delle. In Wirklichkeit hat er den VfB auf einer Kanonenkugel reitend in die zweite Liga katapultiert. Aber das macht Dietrich nichts, denn seine größte Stärke ist, dass er unbeirr- und unbelehrbar ist und seine tollkühnen Geschichten selbst glaubt. Dietrich interpretiert das „Ehrenamt“ des VfB-Präsidenten auf seine ganz eigene Art. Das Amt ist ihm wichtig, es mit Ehre auszufüllen dagegen anscheinend weniger.

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