Stolperfalle Wlan

Hän die koi Schnur?

Was hat man in Stuttgart nicht schon alles erlebt? Dubiose Sponsoren wie die Göttinger Gruppe, seltsame Wechselfehler in europäischen Wettbewerben, dramatische Erfolge (Meisterschaft 2007, 1992) und Abstiege (leider 2019 schon wieder...), diverse Trainer und Präsidenten. Aber dennoch: der Rücktritt nach einer absolut gekippten Mitgliederversammlung gab es noch nicht. 

Im schwäbischen gab es den Witz über Handys und den Begriff: er stünde für "hän die koi schnur" ? (haben die kein Kabel) und gerne werden technisch eher weniger versierte Menschen in Elektrofachmärkte geschickt, ein Wlan-Kabel kaufen... 

Seit dem 15. Juli muss man wohl sagen: es gibt einen weiteren Witz: man kann über ein Wlan-Kabel stolpern... Jedenfalls hat der ehemalige Quatrex-Investor und VfB-Präsident Wolfgang Dietrich dieses Kunststück geschafft. Und mich wieder einmal verblüfft. Wir Schwaben können wirklich alles. Auch über Luft stolpern... 

Und es ist mehr als peinlich, dass ein Verein keine Alternative bei so einer wichtigen Versammlung bereit hält. Wobe es damals bei der Entscheidung über die Ausgliederung sehr wohl Alternativen aus Papier gab... Man könnte sich nun fragen, ob dies Absicht war... Könnte ja sein, dass es bei einem für gewisse Personen mies verlaufendem Ablauf der Mitgliederversammlung keine Abstimmung mehr gibt und dann vertag werden muss. "Leider". In der Hoffnung, dass bis dahin der Zorn verraucht ist und man durchwurschtel kann. Ist nur meine Theorie, keine Anschuldigung oder Behauptung. 

Kicker bewertet seine Leistung auch entsprechend:

Dass dabei drei Trainer, zwei Sportdirektoren, ein Abstieg, ein X-Millionen-Euro-fressender Profi-Etat sowie sportliche Fehleinschätzungen, Diffamierungen und Wahrheitsbeugungen ebenfalls in diese Ära der Klubhistorie Eingang finden werden, hat er vergessen bzw. wahrscheinlich gerne verdrängt.

Und weiter

Spätestens in der Mercedes-Benz-Arena, die sich für ihn wie sein persönlicher Circus Maximus angefühlt haben muss, muss dem 70-Jährigen klargeworden sein, dass ihn bei der nächsten Mitgliederversammlung kein Schwert, kein Dreizack, keine Lanze und auch kein WLAN-Versagen retten könnte.

Dabei hatte er noch vor der Mitgliederversammlung betont, auch bei 74,9 Prozent Ablehnung (für eine Abwahl sind 75% notwendig) weitermachen zu wollen. 

Der Mann, der noch vor der Mitgliederversammlung großspurig verkündet hatte, auch bei 74,9 Prozent Abwahlstimmen weitermachen zu wollen. (sky)

Aber ich schätze mal, er musste einsehen, dass es keine Rettung für sein Amt geben würde. So schreibt sky:

Je länger die knapp sechsstündige Veranstaltung lief, desto heftiger wurde der Gegenwind für Dietrich. Je mehr Fragen bei der Aussprache auf den Tisch kamen, desto mehr Antworten ist Dietrich schuldig geblieben: Fünf Trainer und drei Sportdirektoren in seiner seit 2016 währenden Amtszeit, der Abstieg, seine Verflechtungen mit dem Finanzdienstleister Quattrex.

(...)

Anfangs noch demonstrativ locker und siegesgewiss, wurde er zunehmend fahriger, geriet immer mehr ins Wanken. Die anfangs verhaltenen "Dietrich raus!"-Rufe wurden stetig lauter, gegen Abend hatten sie fast die gesamte Tribüne eingenommen. 75 Prozent der Abwahlstimmen, eine Quote, die zuvor nahezu utopisch anmutete, schien plötzlich möglich.

Dem Fazit von sky kann ich daher uneingeschränkt zustimmen:

Dietrich stilisiert sich als Opfer. Alles verfasst und veröffentlicht ohne Rücksprache mit dem VfB Stuttgart. Ein narzisstischer Abgang - trotzig und egozentrisch, wie weite Teile seiner Präsidentschaft.

Auch die fr, eine von mir sehr geschätze Zeitung, äußert sich vernichtend in ihrem Kommentar zum Rücktritt:

Am Tag seines überfälligen Rücktritts hat Wolfgang Dietrich noch einmal eindrucksvoll bewiesen, warum er mit seiner Persönlichkeitsstruktur für das Amt des Präsidenten des VfB Stuttgart ungeeignet ist. Dietrich meldete sich am Tag nach der abgebrochenen Mitgliederversammlung via Facebook-Eintrag ab. Selbst leiseste Anflüge von Selbstkritik waren in seinem Erguss in dem sozialen Netzwerk nirgendwo aufzufinden. Stattdessen rumpelte da ein alter, beratungsresistenter Mann wie ein getunter Traktor durchs Internet und begab sich dabei auf einen Rundumschlag, der peinlicher nicht hätte ausfallen können. Diejenigen, die in dem bald 71-Jährigen schon immer einen furchtbaren Spalter hinter der Nussknacker-Fassade erkannt hatten, konnten sich bestätigt fühlen. Da hatte sich einer ein letztes Mal die Maske vom Gesicht gerissen.

(...)

Denn der ehemalige Sprecher des Bahnprojekts 21 hat es schon immer verstanden, Verantwortung genau dann nach unten zu delegieren, wenn mal wieder etwas unter seiner Führung schiefgelaufen war. Beobachter vor Ort hatten am Sonntag den unbedingten Eindruck, der Systemausfall bei der aus dem Ruder gelaufenen, von Pfiffen und Buhrufen begleiteten Mitgliederversammlung hätte Dietrich die Schmach erspart, mit mehr als 75 Prozent der Gegenstimmen abgewählt zu werden.

Spox verleiht den Oscar für die "schlechteste Opferrolle" an Wolfgang Dietrich:

Dietrich war ein Präsident, der seinen Kritikern immer wieder mit der alten Leier begegnete. Er ist das Opfer, er sucht doch den Dialog - und überhaupt steigen doch die Mitgliederzahlen. Dietrich hat nie verstanden, worum es seinen Gegnern geht. Zu 0,0 Prozent hat er es verstanden. Zu 0,0 Prozent wird er es jemals verstehen.

(...)

Dietrich hat sich bei der Mitgliederversammlung und nun auch bei seinem Rücktritt selbst entlarvt. Mit abenteuerlichen Äußerungen wie dieser hier: "Es gibt den Spruch: Wenn die Mannschaft gewinnt, war es der Trainer. Wenn die Mannschaft verliert, war es der Präsident." Sagt ein Mann, der zwei Sportvorstände vor die Tür setzte. Dass Dietrich die Frage, warum er gegenüber den Mitgliedern vor seiner Wahl nicht seine genaue Involvierung beim Finanzinvestor Quattrex offenlegte, nun aus dem Nichts auf eine Auflage der DFL schob, mutete mindestens seltsam an und passte ins Bild.

Dietrich hat es geschafft, eine bemerkenswert treue Anhängerschaft (30.000 verkaufte Dauerkarten in Liga 2 sprechen für sich) so tief zu spalten, wie es noch nie jemand in der VfB-Geschichte getan hat. Jegliche "Feindseligkeit" hat er selbst durch seine Verhaltensweise heraufbeschworen.

(...)

Warum soll auch nicht ausgerechnet der Verein, dessen Ex-Präsident gebetsmühlenartig die tollen Rahmenbedingungen in den Himmel lobte, an einem nicht funktionierenden W-LAN scheitern? Es hat was von Comedy, was der Verein für Bewegungsspiele in diesen Tagen veranstaltet.

(...)

Die Mitgliederversammlung hat den einst stolzen VfB zur nationalen Lachnummer gemacht, aber wenn man genauer hinsieht, war es im Grunde nur das i-Tüpfelchen. Der zweite Abstieg innerhalb von nur drei Jahren war schlimm, was der Verein seitdem veranstaltet, ist noch schlimmer.

Es ging schon los mit dem zum Event hochgejazzten Trainingsauftakt, bei dem die Zuschauer meinen konnten, hier präsentiert sich ein Champions-League-Teilnehmer. Demut? Ein Gespür für die Situation? Fehlanzeige. Weiter ging es beispielsweise erst vergangene Woche bei einer "VfB im Dialog"-Veranstaltung, die in Wirklichkeit pures Alibi war und Dialog-Bereitschaft nur suggerierte.

Obwohl die Situation so schlimm ist wie nie, gab es aber auch Gewinner der Mitgliederversammlung. Da waren zum einen die vielen inhaltlich starken Reden der Dietrich-Gegner, die mit einer bemerkenswerten Sachlichkeit das gezeichnete Bild der Anti-Dietrich-Fraktion als "Krakeeler" eindrucksvoll zerstörten. Auch deshalb ist es unredlich von Dietrich, sich in der Opferrolle zu verabschieden.

Absolut einen Klick wert ist auch die Bilderstrecke mit den besten Netzreaktionen zum Rücktritt - ebenfalls bei spox.

Ich bin jedenfalls gespannt, wie es nun weiter geht. Und bin positiv gestimmt. Schlimmer als bisher geht es ja nicht mehr. 

Wobei, irgendwie hätte man es wissen müssen: wer den Sprecher eines der unsinnigsten Projekte holt, der sollte eigentlich wissen, auf was man sich einlässt. Mehr über meine Erfahrung mit dem Widerstand gegen Stuttgart 21 kann man bei der Stuttgarter Zeitung online lesen.